Konferenz der Neuen Gesellschaft für Psychologie

 vom 9. bis zum 12. März 2017

Konferenzbericht

Themenschwerpunkt: Gesellschaftliche Spaltungen und Erfahrung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit

 

Seit 2008 findet regelmäßig in Berlin ein Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie in den Räumlichkeiten der Rosa-Luxemburg-Stiftung statt. Dabei werden gesellschaftskritische Themen behandelt, die aktuell oder über einen längeren Zeitraum medial aufgearbeitet und mithilfe psychologischer Zugänge betrachtet werden. Interessant ist, dass nicht nur Psycholog*Innen, sondern auch Dozent*Innen unterschiedlicher Disziplinen wie etwa der Politikwissenschaft, Soziologie, Bildungswissenschaft, Philosophie oder der Statistik referieren. Der Kongress bildet auf der Prämisse, dass allein die Psychologie als Disziplin nicht reicht, um die Herausforderungen unserer Zeit zu analysieren und Maßnahmen für bestimmte Probleme zu entwickeln.

 

Themenschwerpunkte des diesjährigen Kongresses waren unter anderem der zunehmende Rechtsruck in Europa, sowie gesellschaftliche Spaltungen zwischen Arm und Reich, zwischen Einheimischen und Zugewanderten, zwischen Mann* und Frau* (etc.). Der Abbau des Sozialstaates, und wie dieser von Medien und Politiker*Innen durch Sprache, Diskurse und Ideologien mitgeprägt wird, war Fokus vieler Panels. Subjektspaltung, soziale Ausgrenzung und Gerechtigkeitsdiskurse rundeten das Themenfeld ab.

 

Essentiell war mehreren Vorträgen die Mahnung, dass der aktuelle politische Rechtsruck als Warnsignal gewertet werden muss und dies einen größeren Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft erfordert. Die Psychologie hat die Aufgabe Erklärungsansätze zu liefern, inwiefern gesellschaftliche Verhältnisse zusammenwirken, wenn hassbasierte Handlungen zur Alltagsordnung werden. In seinem Vortrag „Warum hassen sie uns?“ widmete sich Georg Rammer der Fragestellung, wie ein neoliberal radikalisierter Kapitalismus zu wachsender Ungleichheit und Armut überall auf der Welt führte und diese Verabsolutierung von Markt und Wettbewerb die kognitive Grundlage schaffen konnte, dass Menschen sich mehr und mehr als Humankapital sehen; das Menschenbild des Homo Oeconomicus sich weiter zuspitzt. Weiterhin analysierte er, auf welche Weise das Individuum auf die empfundene systematische Benachteiligung und soziale Demütigung beim gleichzeitigem Abbau von Sozialstaat und Demokratie reagiert: Politische Resignation, Ressentiments, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Wichtig ist es hier konkrete Interventionen und Handlungsanweisungen für Politik und Gesellschaft abzuleiten. Denn Psychologie spielt bei der ganzheitlichen sozialen Analyse solcher Entwicklungen eine gewichtige Rolle, die in der sogenannten „Mainstream-Psychologie“ (Kognition, Neurowissenschaften, Arbeitspsychologie etc.) leider oft zu kurz kommt, aber für ein umfassendes Subjektverständnis notwendig ist.

 

Wie Werte in einer Kultur gebildet werden und rückwirken auf Erleben und Verhalten, zeigte Regina Girod in ihrem Vortrag auf. Sie beschrieb, wie sich Ungleichheit und Ungerechtigkeit in einem kulturellen Gefüge auf die Wertbildungsgefüge von jungen Migrant*Innen auswirken und wie die Verpflichtung sich in eine angetroffene Kultur- und Wertelandschaft mit bestimmten Sitten und Umgangsformen einzugliedern, kognitive und emotionale Belastungen mit sich bringen kann. In ihrer Analyse schlägt sich der Integrationsdruck einer „imaginierten deutschen Leitkultur“ zwar in der Assimilation fremder Normen und Verhaltensmuster nieder, ohne dass dabei jedoch die eigene Persönlichkeit preisgegeben werden muss.

 

Diese beiden Beispiele sollen nur einen kleinen Einblick in das vielfältige Angebot des Kongresses geben. Der übergeordnete Rahmen der Vorträge befasste sich des Weiteren, mit politischen Fehlentscheidungen, welche sich vor allem in wachsenden gesellschaftlichen Ungleichheiten, wahrgenommenen Ungerechtigkeiten und der Aushöhlung der Demokratie manifestierten und die Gesellschaft zu spalten drohen. So wurde von Prof. Dr. Gerd Bosbach dargelegt, inwiefern demografische Daten medial genutzt werden, um bestimmte Emotionen auszulösen. Diese wiederum beeinflussen politische Entscheidungen, welche in weiterer Folge den ideologischen Weg zur Agenda 2010 in Deutschland ebneten oder auch der zunehmenden Privatisierung der Renten-Vorsorge und die relativ widerstandslose Hinnahme dieser Entwicklungen.

 

Insgesamt nahmen über 40 Wissenschaftler*Innen aus dem deutschsprachigen Raum Teil mit der Zielsetzung die Spaltungen zwischen Wissenschaft und politischer Praxis alsbald zu überwinden.

 

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